„Reise in die Vergangenheit“

31. März 2026

Mit einer eindringlichen Gedenkveranstaltung hat die VVN-BdA am 29.03.2026 im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus an das Leben der Karlsruher Holocaust-Überlebenden Hanna Meyer-Moses (1927-2024) erinnert. Ihr Sohn Rolf Meyer schilderte im Stadtkloster St. Franziskus die Verfolgungsgeschichte seiner Familie.

Anhand der Erinnerungen seiner Mutter schilderte Meyer, wie schleichend die Ausgrenzung jüdischer Menschen begann. Bereits Anfang der 1930er-Jahre wurden jüdische Familien durch Kündigungen aus ihren Wohnungen gedrängt um Häuser „judenfrei“ zu machen. In der Schule erlebte Hanna Meyer-Moses früh Diskriminierung: Jüdische Kinder wurden von der Regelschule ausgeschlossen, Lehrer traten in SA-Uniform auf. Mit den Nürnberger Rassegesetzen wurde diese Diskriminierung ab 1935 gesetzlich verankert. Ein prägendes Erlebnis war die Reichspogromnacht 1938, als die 11-jährige Hanna auf dem Weg zur Schule die brennende Synagoge in der Kronenstraße erblickte und wieder heimgeschickt wurde.

Am 22. Oktober 1940 wurde die Familie in das französische Internierungslager Gurs deportiert. Bereits 1941 ergab sich für Hanna und ihre Schwester Susanne die Möglichkeit über das jüdische „Hilfswerk zur Rettung der Kinder“ (OSE) aus dem Lager heraus in ein Waisenhaus gebracht wurden. Sie ahnten nicht, dass sie ihre Eltern nie mehr wiedersehen würden. Die Mutter Betty wurde in Auschwitz ermordet; der Vater Nathan nahm sich zuvor selbst das Leben. Vom Waisenhaus wurden sie in das Kinderheim Château du Couret gebracht, von wo aus sie Ende 1942/Anfang 1943 unterstützt durch ein breites zivilgesellschaftlichen Netzwerk die Flucht in die Schweiz antraten. Ohne diese organisierte Solidarität hätten Hanna, Susanne und unzählige andere jüdische Kinder den Holocaust nicht überlebt. Sie ist ein wichtiger Bestandteil des Widerstands gegen das NS-Regime gewesen.

1986 betrat Hanna Meyer-Moses zum ersten Mal nach ihrer Deportation wieder Deutschland und besuchte ihre Heimatstadt Karlsruhe. Im Rathaus der Stadt legte sie den Vorzimmerdamen des Oberbürgermeisters ihre deutsche Kennkarte mit dem „J“ für Jude auf den Tisch und forderte, das Stadtoberhaupt sprechen zu können. Sie erhielt sofort ein Gespräch mit dem damaligen stellvertretenden Bürgermeister Gerhard Seiler. Dies war der Beginn für Hanna Meyer-Moses als Zeitzeugin aktiv Aufklärungsarbeit zu leisten und 2009 ihr Buch zu veröffentlichen.

Die Geschichte von Hanna Meyer-Moses beschreibt nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern steht beispielhaft für die Entwicklung von schrittweiser Ausgrenzung hin zur systematischen Vernichtung. Zugleich zeigt sie, wie wichtig mutiges Handeln und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Verfolgung sind. Die Erinnerung an Hanna Meyer-Moses bleibt damit Mahnung und Auftrag, Ausgrenzung früh entgegenzutreten und solidarische Strukturen zu stärken. Dies ist gerade in unserer Zeit, in der rechtsextreme, rassistische und antisemitische Gewalt massiv zunehmen ein wichtiges Signal.

Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Helga Betsarkis am Akkordeon.