„Ich schlage nicht“ (Neuherausgabe 2026)

Vorwort der Herausgeber (2026)

Karl Wagner (1909 – 1983) gehörte zu jener Generation, die dem Faschismus in Deutschland von Beginn an Widerstand entgegensetzte und diesen Widerstand selbst unter den extremen Bedingungen der Konzentrationslager fortführte. Geprägt von der sozialen Not der frühen 1930er Jahre, vom zunehmenden faschistischen Straßenterror und von seinem tiefen Gerechtigkeitssinn, schloss er sich früh der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. Bereits vor seinem offiziellen Parteieintritt beteiligte er sich in Stuttgart-Feuerbach an illegaler Agitation und Verteilung der Betriebszeitung „Roter Bosch-Zünder“.

Nach der Machtübertragung an Hitler 1933 wurden die führenden Kommunisten verhaftet. In der führungslos gewordenen Parteiorganisation übernahmen junge Genossinnen und Genossen Verantwortung – unter ihnen Karl Wagner. Er setzte die illegale Parteiarbeit fort, wurde verhaftet, im KZ Heuberg inhaftiert, war nach seiner Entlassung erneut illegal tätig und wurde mehrfach festgenommen. Es folgten Jahre der Verfolgung, Flucht in die Schweiz, Rückkehr nach Deutschland und weitere Haft. Karl Wagner war in zahlreichen Konzentrationslagern inhaftiert, darunter Heuberg, Börgermoor (Emsland), Welzheim, Dachau, Mauthausen sowie zuletzt Buchenwald, wo er am 11. April 1945 vom im Lager selbst organisierten Widerstand befreit wurde. In Dachau war er auch in den Außenlagern Neustift (Tirol) und Allach eingesetzt.

In den Konzentrationslagern engagierte sich Karl Wagner im organisierten antifaschistischen Widerstand. Häftlinge organisierten Solidarität, schützten Leben und wirkten der SS entgegen. Karl Wagner war Teil der internationalen illegalen Lagerleitung und setzte sich als von der SS eingesetzter Häftlingsfunktionär (Kapo) für die Häftlinge ein. Er nutzte seine Position, um Solidarität zu fördern, Mithäftlinge zu schützen und Widerstand praktisch umzusetzen.

Besonders hervorzuheben ist sein Verhalten gegenüber der von der SS angeordneten Prügelstrafe: Als Häftlingsfunktionäre gezwungen werden sollten, zur Bekämpfung der Solidarität und zur Diskreditierung der Kapos ihre eigenen Kameradinnen und Kameraden zu schlagen, folgte Karl Wagner dem Beschluss der illegalen Lagerleitung gegen die Zerstörung des Vertrauens der Häftlinge zu den Kapos: Kommunisten schlagen keine Häftlinge. Seine Befehlsverweigerung hatte brutale Konsequenzen. Er wurde schwer misshandelt und wochenlang im sogenannten Stehbunker eingesperrt, ließ sich jedoch nicht brechen.

Nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald nahm Karl Wagner sofort wieder seine politische Arbeit auf. Er trat erneut der KPD bei, sowie der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Gemeinsam mit seiner Lebens- und Kampfgefährtin Hilde Wagner engagierte er sich gegen Remilitarisierung, gegen die Notstandsgesetze und für den Frieden. Nach dem Verbot der KPD 1956 arbeitete er erneut illegal, unter anderem als Funktionär in Pforzheim. Er engagierte sich in der Friedensbewegung, in der Ostermarschbewegung, in der Deutschen Friedensunion, in der Aktion Demokratischer Fortschritt sowie bei der Neukonstituierung der KPD als DKP. Nach seinem Umzug nach Karlsruhe blieb Karl Wagner bis zuletzt politisch aktiv, vor allem in der DKP und in der VVN-BdA. Karl Wagner starb 1983 an den Spätfolgen der jahrelangen Haft und Misshandlungen in den Konzentrationslagern. 

Besonders wichtig war ihm zeitlebens die Unterstützung und politische Bildung jüngerer Generationen. Eben auf Drängen der Jugend, die genauer erfahren wollte, wie es überhaupt möglich war, das ein KZ-Häftling einen SS-Befehl verweigern konnte, wurde die vorliegende Broschüre 1980 veröffentlicht.

Zeitzeugen, die aus erster Hand von ihren Erfahrungen im antifaschistischen Widerstand berichten können, stehen heute, im Jahr 2026, nicht mehr zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, deren Erfahrungen am Leben zu erhalten und politisch wirksam werden zu lassen. Heute erleben wir, wie die Militarisierung Deutschlands aktiv betrieben wird. Die nach oben offenen Rüstungsmilliarden sind ein Angriff auf den Sozialstaat und belasten den Haushalt auch der kommenden Generationen. Mit Kürzungen im Sozialen, im Bildungssystem, bei der Rente und beim Gesundheitswesen werden die Folgen dieser Politik soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung verschärfen und damit den Rechtsruck weiter vorantreiben. Die Politik der „Kriegstüchtigkeit“ erfasst alle Gesellschaftsbereiche und zielt auf einen vollständigen Gesinnungswandel innerhalb der deutschen Bevölkerung ab. Damit eng verbunden ist auch der wiederbelebte Geschichtsrevisionismus. Auch unsere Gedenk- und Erinnerungsarbeit ist davon direkt betroffen, wenn beispielsweise antifaschistische Gedenkveranstaltungen nur unter strengen Auflagen stattfinden können. Von dieser sozialen Schieflage profitieren rechte Kräfte wie zum Beispiel die AfD, denen es mangels starker antifaschistischer Gegenkraft teilweise gelingt, Proteste zu vereinnahmen. Wir erleben einen massiven Rechtsruck. Vor diesem Hintergrund hat sich die Kreisvereinigung Karlsruhe der VVN-BdA dazu entschlossen, die Broschüre von Karl Wagner neu aufzulegen und herauszugeben. Das Leben von Karl Wagner steht beispielhaft für konsequenten antifaschistischen Widerstand, Solidarität unter extremsten Bedingungen und lebenslanges politisches Engagement „für eine Welt des Friedens und der Freiheit“ (Schwur von Buchenwald).

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