IWgR 2025
Am 29.03.2025 fand unsere Veranstaltung „Unsere Menschen erzählen…“ im Rahmen der IWgR in den Räumlichkeiten des Stadtklosters St. Franziskus statt. Für den Referenten Jovica Arvanitelli, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands deutscher Sinti & Roma Baden-Württemberg, war der Vortrag eine Prämiere. Erstmals erzählte er öffentlich und ganz persönlich seine eigene Lebensgeschichte. Von seiner Kindheit in Gnjilane (Kosovo), über die Flucht der siebenköpfigen Familie vor dem Krieg nach Deutschland, von Diskriminierung und bürokratischen Hürden der Integration, bis hin zu seinem heutigen Engagement für die Rechte der Minderheit der Sinti und Roma.
Bereits bevor er in die Schule ging, so Arvanitelli, entwickelte er eine Leidenschaft für die Schneiderei. Dies hatte auch kulturelle Hintergründe, da das Schneiderhandwerk für die Roma im Gnjilane auch eine Überlebensstrategie war. Textilverschnitte der örtlichen Industrie wurden gesammelt und abends und an den Wochenenden zu Taschen und Kissen verarbeitet, die auf dem Wochenmarkt verkauft werden konnten. 1991 flüchtete die Familie dann vor dem Krieg nach Deutschland, wo sie in Ludwigshafen am Rhein ankam. Trotz bürokratischer Hürden und Duldungsstatus konnte Arvanitelli in Speyer eine Ausbildung zum Damenschneider beginnen. Es drohte jedoch Ende der 1990er Jahre die Abschiebung in den Kosovo, da dort angeblich keine Gefahr für Leib und Leben mehr bestehe. Die dort stattfindenden Pogrome gegen Roma wurden von den deutschen Behörden nicht anerkannt. Kosovo sei ein „sicheres Herkunftsland“. Kurzzeitig flüchtete Arvanitelli daher in die Niederlande, konnte aber infolge des Angriffskrieges der NATO gegen Jugoslawien 1999 wieder zurückkehren. Eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis wurde ihm jedoch nicht ausgestellt, obwohl sämtliche Dokumente vorhanden waren und alle Voraussetzungen erfüllt. Die Sachbearbeiterin in Ludwigshafen erklärte unter vier Augen, d.h. ohne Anwesenheit von Zeugen, wörtlich: „Solange ich hier sitze, Sie Zigeuner, bekommen Sie keine Aufenthaltserlaubnis.“ Erst 2006 erlangte Arvanitelli einen Aufenthaltsstatus durch Heirat. Eine Lehre, die Arvanitelli aus seinen Erfahrungen zieht: In Deutschland bekommt man seine Rechte nicht geschenkt, sondern muss sie sich erkämpfen. Ein erkämpftes Recht und eine große Errungenschaft war der Abschluss eines Staatsvertrages des Landes Baden-Württemberg mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma im Jahr 2013. Es war der erste seiner Art in Deutschland. Der Staatsvertrag sicherte den deutschen Sinti und Roma das Recht auf Anerkennung, Bewahrung und Förderung ihrer Kultur und Sprache sowie des Gedenkens zu. Dies machte es Arvanitelli u.a. möglich, eine Beratungsstelle für Sinti und Roma zu etablieren, um Menschen mit ähnlichem Schicksal zu unterstützen. Arvanitelli erfuhr in seinem Leben in Deutschland viel Rassismus und Ausgrenzung. Er lernte jedoch auch Menschen kennen, die solidarisch und hilfsbereit waren. Einer davon war ein älterer Hobbygärtner namens Kurt – ein Zeitzeuge des deutschen Faschismus, einer derjenigen, der widerständig war und nicht mitmarschierte. Kurt wurde zu einem guten Freund und zu einer wichtigen moralischen Stütze.











